Das Erbebereiten

Wer unser Besucherbergwerk, den Molchner Stolln, besucht, dem fällt vielleicht die etwas ungewöhnliche und eigenartige, größere Steintafel auf, die in der gesetzten Steinmauer, die sich vor dem Stollenmundloch befindet, eingelassen ist:

Was hat es mit dieser Tafel auf sich?

Mit dieser Frage hatte sich vor längerer Zeit ebenfalls Herr Dr. Walter Bogsch schon beschäftigt. Er ist dieser Sache nachgegangen, hat Nachforschungen betrieben und über seine Erkenntnisse folgende Zeilen verfasst:

 

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Erbebereiten. 
Eine Bergsitte und eine Inschriftdeutung.
 
Von Dr. Walter Bogsch. 

Im Glückaufheft vom Februar 1935 habe ich auf das Pobershauer Schaubergwerk hingewiesen. Zur Ergänzung möchte ich nun noch eine Erklärung der eigentümlichen, in die Stützwand des Stollenmundlochs eingelassenen Tafel geben, die folgende, uns zunächst völlig unverständliche Zeichen trägt: 


1733
U.6 te M.E.
H.C.H.B.M.
H.C.T.B.G.S.
H.I.C.S.S.M.
M.R.ST. 

Das ist gewiß keine Zauberformel, auch keine Grabinschrift. Niemand im Orte konnte mir auf Befragen die Zeichen deuten. Daß es sich um Namensabkürzungen und ein bergmännisches Ereignis handeln musste, ging aber klar besonders aus den Zeilen-Enden hervor, die Berg-Meister, Berg-Geschworener, Schicht-Meister und Steiger bedeuten mussten. Damit war der Schlüssel zur Lösung gegeben. Ich suchte also die weitere Erklärung im Oberbergamt zu Freiberg und fand sie auch, dank der freundlichen Unterstützung durch Herrn Oberregierungssekretär Alfred Börner, im „Berg-, Lehn-, Verleihe- und Contract-Buch des Bergkambts zu St. Marienbergk de anno 1716“ Blatt 288b – 292, in einer Niederschrift vom 8. September 1733. 

Da wird nämlich ausführlich von dem Erbebereiten der Grube Schießwecken und Zugehör zu Pobershau berichtet, d.h. von einer Bergsitte, die in Marienberg verhältnismäßig selten gehandhabt wurde, da man sich meist mit einfacheren Formen begnügte. Das Erbebereiten, ein von Reiten abzuleitendes Wort, war aber ein unter besonders feierlichen Formen über Tage vor sich gehendes genaues Vermessen und in Zukunft unantastbares Abgrenzen des Feldes einer Grube, die Erbebereitens und Vermessens würdig geworden war. Es stand also im Gegensatz zu dem sonst üblichen Vermessen „mit verlorener Schnur“. 

Der langjährige und unermüdliche, fast einzige Gewerke der Grube Schießwecken, der Appellationsrat Caspar Sigmund von Berbisdorf auf Rückerswalde und Kühnheide, hatte 1733, nachdem die Grube eine Schuld von 9000 Talern abgetragen und mehrere Quartale Ausbeute verteilt hatte, wodurch sie meßwürdig geworden war, das Erbebereiten beantragt. An drei Sonnabenden, jedes Mal mit 14 Tagen Zwischenpause, wurde daraufhin der Antrag vom Marienberger Gerichtsdiener ordentlich ausgerufen, damit jedermann Zeit zum Einspruch hatte. Da kein Einspruch erfolgte, fand dann am 8. September 1733 die Feier statt.

Früh 9 Uhr versammelten sich die auf den Schießweckener Berggebäuden anfahrenden Bergleute an der Fundgrube, dazu als stärkster Gewerke der Apellationsrat v. Berbisdorf, der Schichtmeister und Stadtrichter Joh. Cornelius Schmid und der Steiger Michael Reichel, auf dessen Grundstück die Grube lag. In feierlicher Form eröffnete der Bergmeister Conrad Härtwig die Versammlung mit einer Rede, die auf die Bedeutung des Tages hinwies. Er verwarnte jedermann, „in die Schnur zu greifen“, d.h. die Vermessung irgendwie zu behindern oder anzutasten, und vereidigte daraufhin den Schichtmeister für die Schießweckener Fundgrube und die 1. bis 6. oberen und unteren Maßen. Dann wurde feierlich, mit Untergraben von Glas, Eierschalen, Ziegelbrocken und Kohlen, der Anfangslochstein der Fundgrube gesetzt, der Schlegel und Eisen führte und die Inschrift: 

S. W. F. G. A. F. 1733 (d.h. Schießweckener Fundgrube Anfang Feld 1733) und darunter: Caspar Siegmund von Berbisdorf, Gewercke. 

Der Berggeschworene Christian Täuscher, der der Billigkeit wegen als Markscheider tätig war, übertrug nun von diesem Stein aus die Maße des Planes in die Wirklichkeit, und ließ den Berg hinauf in 45⅛ Lachter Entfernung, was dem horizontalen Maß von 42 Lachtern entsprach, am Ende der Fundgrube einen Markstein setzen. Dieser trug auf der einen Seite die Inschrift: 

S.W.F.E.
H.C.S.v.B.G.W.
H.C.H.B.M.
H.C.T.B.G.S.
H.I.C.S.S.M.
M.R.ST. 

Daß hieß also: Schießweckener Fundgrube Ende, Herr Caspar Sigmund v. Berbisdorf Gewerke, Herr Conrad Härtwig, Bergmeister, Herr Christian Täuscher Berggeschworener, Herr Johann Cornelius Schmid Schichtmeister und Michael Reichel Steiger. 

Auf der anderen Seite stand: ┼ OJMAF, SW., d.h. Obere erste Maß Anfang Feld Schießwecken. 

So wurde das bis zum Ende der oberen 6. Maß fortgesetzt, wo nach altem Herkommen der Schichtmeister noch durch einen Sprung über das Ermessene hinaus 2⅜ Lachter 5 Zoll (etwa 4,60 Meter) hinzugewann. Dann wurden in derselben Weise die unteren Maßen bis zum Dorfbach, wo der Sprung nicht möglich war, vermessen und schließlich, am Ende der 6. Maß, unser Stein am Bachrande mit den erwähnten Beigaben eingesetzt. 

Hier an dem letzten Stein bereitete man ein neues Bergleder aus und zahlte auf ihm die Vermeßgebühr vor. Das Leder wurde schließlich mit neuen Sechspfennigstücken gefüllt und unter die zuschauende Volksmenge geworfen, zum großen Ergötzen der vielen vornehmen geistlichen und weltlichen Herren, die dem feierlichen Amt beiwohnten. Im Festzuge ging es dann nach Marienberg zurück, wo unter Zuziehung des Bürgermeisters, Pastors, Bergschreibers, Rezeßschreibers und sonstiger Honoratioren beim Schichtmeister ein Festessen (die sogen. Collation) stattfand, während die Bergleute beim Steiger in Pobershau ein Faß Bier leerten. 

Der Stein erinnert uns also an eine Bergfestlichkeit des 18. Jahrhunderts, war eine Art Grenzstein und dürfte ursprünglich in der Nähe der Einmündung des Goldkronenbaches an der roten Pockau gestanden haben. Seine Zeichen sind jetzt ganz klar. Er bedeutet:

┼ 1733. – Untere – 6. Maß Ende. – Herr Conrad Härtwig, Bergmeister – Herr Christian Täuscher, Berggeschworener – Herr Johann Cornelius Schmid, Schichtmeister – Michael Reichel, Steiger. 

Vielleicht gelingt es der rührigen Gemeindeverwaltung, auch noch andere derartige Steine aufzufinden oder sicherzustellen. Die Vergangenheit hat leider viele solche Überreste vom Bergbau achtlos beseitigt oder vernichtet.

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Diesen Aufsatz von Herrn Dr. Walter Bogsch konnte man lesen in der Zeitschrift des Erzgebirgsvereins "Glückauf", Jg. 56, Nr. 2 / 1936